Prägende Zeitereignisse

Chat GPT – Meilenstein eines Megatrends

Der 30. November 2022 wird für viele ein denkwürdiger Tag bleiben: Es war der Tag, an dem die Version 3 von Chat GPT der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

 

Chat GPT ist ein auf künstlicher Intelligenz (KI) basierendes Sprachmodell, das auf beliebig formulierte Fragen Antworten liefert oder auf Aufforderung hin zu beliebigen Themen Texte und sogar Gedichte generiert, die sich lesen, als hätte sie ein Mensch formuliert. Auf Wunsch kann es auch Programmcodes ausspucken.

Innerhalb weniger Wochen wurde Chat GPT zum dominierenden Gesprächsthema in der Gesellschaft und insbesondere in der Welt der Pädagogik. Schnell verbreitete sich die Kunde auch unter den Lernenden, denn Chat GPT erledigt auch Hausaufgaben – auf Wunsch sogar mit den für die Ausbildungsstufe üblichen Fehlern.

Auch wenn mich Chat GPT beim Erkunden seines Potenzials überrascht und in mancherlei Hinsicht auch beeindruckt hat, kam diese Entwicklung nicht unerwartet: Die neue Digitalisierungswelle, dessen Krone Chat GPT zu markieren scheint, war für jene, die Augen und Ohren dafür hatten, schon lange sicht- und hörbar am Heranrollen.

Die Digitalisierung ist eine Veränderungskraft, welche Schulen schon seit mehr als zwanzig Jahren zunehmend durchdringt und sich entsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen manifestiert: Elektronische Endgeräte und Internet gehören heute ebenso selbstverständlich zur Standardausstattung jeder Schule, wie sie auch auf immer tieferen Schulstufen Teil der persönlichen Ausrüstung von Lernenden sind; Smartphones und Tablets sind mittlerweile auch aus Primarschulklassen kaum noch wegzudenken (obschon sie dort in der Regel nur punktuell eingesetzt werden und ihre Anwendung meist strikt geregelt ist). Die Art des Lernens und Lehrens hat sich dadurch verändert. Viele Lerntätigkeiten können heute wahlweise analog oder digital ausgeführt werden. Spätestens seit der Pandemie sind Formen des Distanzlernens oder Mischformen von Präsenz- und Distanzunterricht (Blended Learning) gang und gäbe. Lehrpersonen müssen heutzutage ihre Lern-Lehr-Settings nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch den Ansprüchen der Gesellschaft und der Abnehmerinstitutionen kontinuierlich anpassen und sich dazu laufend weiterbilden, um den professionellen Ansprüchen der Zeit gewachsen zu bleiben und um sicherstellen zu können, dass die Absolvierenden im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld berufs- und/oder studierfähig sind. Das gleiche gilt für die nicht-pädagogischen Berufsleute, die an Schulen arbeiten: Die Digitalisierung hat auch ihre Arbeitsgebiete umgewälzt und auch sie müssen kontinuierlich weiterlernen, Gewohntes aufgeben und sich an Neues gewöhnen. Das ist die typische Wirkung von Megatrends: Sie wirken langfristig, tiefgreifend und global. Sie vermögen sogar Wertesysteme zu verändern. Der Zukunftsforscher Matthias Horx[1] sagt dazu: «Megatrends haben eine Halbwertszeit von mindestens 50 Jahren, sind weitgehend rückschlagresistent und zeigen Auswirkungen in allen menschlichen Lebensbereichen.»

Chat GPT und andere KI-Anwendungen werden bisherige Arbeitsgewohnheiten und Arbeitsweisen (weiter) verändern oder ersetzen. Sie werden in andere Anwendungen integriert (gemäss Ankündigung von Microsoft beispielsweise in Office M365) und dürften bald ebenso unentbehrlich sein, wie es heute (etwas mehr als 10 Jahre nach ihrer Markteinführung) Smartphones sind. Einige Beispiele gefällig?

Wer effizient recherchieren und dabei nicht nur das Internet, sondern auch die sozialen Medien durchforsten will, kann dafür die KI Topic Mojo beauftragen (das zur Zeit aber noch primär englische Sprachen verarbeitet). Wer Protokolle schreiben oder Gespräche transkribieren will, mag sich von Fireflies.ai oder TLDV unterstützen lassen. Wer kreative Bilder generieren muss, findet in Midjourney oder Dall-E2 passende Helferlein. Wer Texte (z.B. wissenschaftliche Studien) zusammenfassen muss, kann neben Chat GPT auch die KI Genei (leider derzeit auch erst für Texte in englischer Sprache) testen. Das Sprachenproblem kann aber mit der Übersetzungs-KI DeepL mindestens teilweise überwunden werden. Und wer seine Texte korrigieren lassen möchte, findet in Language Tool das passende Instrument: Es erkennt 45 Sprachen sowie einige Sprachvarietäten (beispielsweise erkennt es auch schweizerisches Deutsch) und markiert Fehler mit verschiedenen Farben, benennt die Art des Fehlers und schlägt Verbesserungsmöglichkeiten (korrekte Schreibweisen oder schöne Umformulierungen) vor, die mit einem Klick übernommen werden können.

KI-Tools stellen nicht nur, aber auch für Lehrpersonen wertvolle Ressourcen dar: Die obige Aufzählung von KI-Tools entstammt nicht einer Publikation für Lehrpersonen, sondern war eine Anregung, die die Handelszeitung[2] ihren Leserinnen und Lesern auf einer Doppelseite unterbreitete.

Und natürlich stellen sich mit den neuen Tools auch neue Probleme. (Oder alte Probleme stellen sich neu.) Beispielsweise provoziert die Arbeit mit unterschiedlichsten Plattformen Fragen zum Daten- und Persönlichkeitsschutz. Die Verwendung von Texten und Bildern aus dem Netz stellt Urheberrechtsfragen. Und die neuen Arbeitsweisen fordern neue ethische Standards – u.a. beim Offenlegen von Quellen und Hilfsmitteln.

Während Jahrhunderten waren Lesen, Schreiben und Rechnen die Kulturtechniken, welche von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Seit wenigen Jahrzehnten ist eine vierte Kulturtechnik hinzugekommen, die als digitale Kompetenz (engl.: digital literacy) bezeichnet wird. Wikipedia erklärt den Term als Fähigkeit, «sich in einer Informationsgesellschaft zurechtzufinden, in ihr zu lernen, zu arbeiten und am digitalen Lifestyle teilzunehmen». Die KI muss deshalb selbstverständlicher Bestandteil von Lern-Lehr-Settings an Schulen sein – sowohl im Anwendungsbereich, wie auch in reflexiver Hinsicht. Den die KI-Tools mögen zwar gewisse Dinge vereinfachen oder erleichtern. Sie machen die Welt aber auch komplexer, abhängiger und verwundbarer. Wir tun gut daran, Bildung – als «Power Suit» und als Schutzfaktor – weiterhin ins Zentrum zu stellen.

Prof. Peter Heiniger
Direktor NMS Bern

 


[1]     Horx, M. (2011). Das Megatrend-Prinzip: wie die Welt von morgen entsteht. DVA.

[2]     Ruffiner Olivia. Diese KI-Tools müssen Sie kennen. Handelszeitung, Nr. 14, 06. April 2023. S.4-5.

Das Ende der Credit Suisse. Brachenübergreifende Gedanken.

Nachdem die Credit Suisse (CS) über Jahre hinweg immer wieder mit negativen Schlagzeilen aufgefallen war, geriet die Bank zunehmend in Schwierigkeiten. Am 19. März 2023 erfuhr die Öffentlichkeit schliesslich, dass die CS als zweitgrösste Bank der Schweiz von der UBS, dem grössten Finanzinstitut, übernommen werden solle. Wenn dies nicht das Ende ihrer 167-jährigen Geschichte darstellt, so ist doch wenigstens das Ende einer CS, wie sie bisher existierte.

Nicht schlechte Zahlen haben zum Ende der CS geführt, sondern der Umstand, dass viele Anlegerinnen und Anleger in den letzten Monaten ihr Kapital abzogen haben. Sie vertrauten der Bank nicht mehr.

Das Schicksal der CS war eines jener markanten Ereignisse im Berichtsjahr 2022/23, die die Lebenswelt der NMS mitgeprägt haben bzw. noch immer mitprägen. Es fällt in eine Zeit der allgemeinen Unsicherheit mit globalen Krisen, mit zunehmender Tendenz zur Polarisierung, mit Krieg in Europa und mit dessen Folgen – u.a. mit Börsenturbulenzen (was die NNS Bern in Form einer massiven Pensionskassenunterdeckung eingeholt hat) sowie mit einer Teuerung (die es schwer macht, eine ausgeglichene Jahresrechnung zu erwirtschaften).

Die CS-Geschichte zeigt aber auch exemplarisch, dass Vertrauen in der Unternehmenswelt und in der Politik ebenfalls ein Kapital darstellt und dass dieses Kapital ebenso wichtig ist wie die Finanzkennzahlen: Emotionen steuern das Handeln von Menschen. Rationale Argumente werden nachgeschoben. Das Bauchgefühlt sagt uns sehr schnell, ob wir uns sicher fühlen und vertrauen können. Die rationale Analyse brauch dagegen Zeit und Anstrengung, weil zuerst Sachkenntnisse erworben, relevante Beurteilungskriterien gefunden und Vergleichsmöglichkeiten gesucht werden müssen.

Auch die NMS Bern lebt vom Vertrauen, und zwar ebenso vom Vertrauen der Eltern, die uns ihr Wertvollstes – ihre Kinder – anvertrauen, wie vom Vertrauen der Politik, die alle paar Jahre die Staatsbeiträge für uns neu bewilligen muss.

Es gibt zwei Formen des Vertrauens: Da ist einerseits das Selbstvertrauen. Es entwickelt sich, wenn man realisiert, dass man auch herausfordernden Aufgaben gewachsen ist.

Andererseits ist es das Vertrauen in die Gemeinschaft, das sich bildet, wenn man sich aufgenommen und unterstützt fühlt.

Abhängig von diesen beiden Formen des Vertrauens erwächst ein Sicherheitsgefühl (oder ein Gefühl fehlender Sicherheit). Manche Menschen vertrauen ganz auf sich und ihre Fähigkeiten. Sie benötigen keine Gemeinschaft (oder glauben – vielleicht in einem Akt der Selbstüberschätzung – keine Gemeinschaft zu benötigen, um sich sicher zu fühlen). Andere haben ein geringes Selbstvertrauen und sind in hohem Masse davon abhängig, von der Gemeinschaft immer wieder signalisiert zu bekommen, dass sie wahrgenommen werden und dass sie unterstützt werden.

Wir sind überzeugt, dass die Aufgabe der NMS Bern darin besteht, beide Formen des Vertrauens zu fördern:

Selbstvertrauen fördern wir mit herausfordernden (aber nicht überfordernden) Aufgaben. Unterfordernde Aufgaben entfalten dagegen keine selbstvertrauensfördernde Wirkung: Die Entstehung von Selbstvertrauen erfordert Anstrengung, so dass ein Stolz über das Geleistete entsteht. Das ist der Grund, weshalb pädagogische Lern-Lehr-Settings «Stolpersteine der richtigen Grösse» enthalten sollen und weshalb es nicht entwicklungsförderlich ist, den Lernenden alle Steine aus dem Weg zu räumen.

Vertrauen in die Gemeinschaft fördern wir mit einer Gleichung: Zunächst einmal hat jeder Mensch ein Anrecht auf unbedingte Annahme der Person. Und gleichzeitig müssen sich die Individuen für das Wohl der Gemeinschaft engagieren, indem sie sich in geeigneter Form und ihren Möglichkeiten entsprechend nützlich machen. Empfundene Nützlichkeit vermittelt die Kohäsion innerhalb einer Gruppe, und zwar in beide Richtungen: Man fühlt sich gebraucht und man wird gebraucht.

Die Entwicklung von Selbstständigkeit und schliesslich von Mündigkeit setzt voraus, dass man diese Gleichung versteht und akzeptiert und sich deshalb für das eigene Lernen wie auch für die Gemeinschaft engagiert. Engagement nur für sich selber wäre Opportunismus. Engagement nur für die Gemeinschaft wäre Selbstaufopferung. Beides ist unerwünscht.

Auch die NMS Bern muss diese Gleichung meistern, indem sie die Herausforderungen unserer Zeit bewältigt und für die Lernenden, ihre Eltern und den Kanton Bern Nützlichkeit beweist. Wenn ihr dies gelingt, wird die Öffentlichkeit der NMS Bern auch im 173. Jahr ihrer Existenz weiterhin Vertrauen schenken.

Prof. Peter Heiniger
Direktor

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