Prägende Zeitereignisse

Multikrise

In den letzten Monaten haben Krisen- und Katastrophenmeldungen die öffentliche Diskussion geprägt. Das Gefühl einer globalen Instabilität, das bereits seit einiger Zeit im Raum steht, hat sich bei vielen von uns verstärkt. Anhaltende geopolitische Konflikte[1], unberechenbare politische Akteure, KI-getriebene technologische Umwälzungen[2] und die zunehmend sichtbare Klimakrise [3] nagen am Sicherheitsgefühl vieler Menschen. Davon bleibt nicht nur das wirtschaftliche Umfeld betroffen – auch Kinder und Jugendliche können sich der negativen Nachrichtenflut kaum entziehen. Für Eltern und Schulen stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, auf welche Zukunft die nachwachsende Generation vorbereitet werden soll. Gibt es zwischen Gleichgültigkeit, Aktivismus und Resignation einen vernünftigen Weg, der dazu beitragen kann, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen und sich die Lust auf Zukunft sowie den Glauben an die eigene Handlungsmacht bewahren? Rückblickend auf die Anfänge meiner Berufstätigkeit stelle ich fest, dass sich bereits meine Vorgängergenerationen mit ganz ähnlichen Fragen auseinandersetzen mussten. Wolfgang Klafki, ein einflussreicher deutscher Erziehungswissenschaftler, nannte 1985 – damals absolvierte ich die Ausbildung zum Primarlehrer – sechs Themenfelder, die er als «epochaltypische Schlüsselprobleme» identifiziert hatte und denen er eine besonders hohe Bildungsrelevanz zusprach: 

  1. Friedensfragen (z. B. Krieg und Frieden, Konfliktlösung, Gewaltfreiheit)
  2. Umweltfragen (z.B. ökologische Probleme, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen)
  3. Soziale Ungleichheiten (z. B. Armut, soziale Gerechtigkeit, Nord-Süd-Konflikt)
  4. Gefahren und Möglichkeiten neuer Technologien (z. B. Atomkraft, Gentechnik, Digitalisierung)
  5. Ich-Du-Beziehungen (z. B. Kommunikation, Verantwortung, Empathie)
  6. Frage nach Sinn, Glück und Identität (z. B. Lebensgestaltung, Selbstfindung)

Heute, vierzig Jahre später, stelle ich fest, dass wir offensichtlich noch immer in Klafkis Epoche unterwegs sind, denn seine Schlüsselprobleme sind nach wie vor zeitprägend. 

Dabei lohnt es sich, nicht nur den Kriegs- Krisen- und Katastrophenmeldungen Aufmerksamkeit zu schenken, denn auch viel Hoffnungsstiftendes passiert in unserer Welt. Zwar finden solche Nachrichten offensichtlich weniger einfach Eingang in die Nachrichtenportale. Aber man kann sie ohne grossen Aufwand finden, wenn man nach ihnen sucht. Der zweite Beitrag zu zeitprägenden Ereignissen in dieser Chronik («RTS und R21: Endlich kann gegen Malaria geimpft werden!») pickt eine Anstrengung heraus, die in den letzten Monaten angefangen hat, Früchte zu tragen und die m.E. ein enormes Potential hat, das Leben sehr vieler Menschen positiv zu beeinflussen. 

Damit der Erfolg, von dem der zweite Artikel berichtet, möglich wurde, mussten viele Menschen über «epochaltypische Schlüsselprobleme» nachdenken und in eine Zusammenarbeit finden. Und letztlich ist genau dies meine Hoffnung und mein Anspruch an Bildung, aber auch meine Motivation meine Schaffenskraft mit einem Team von Gleichgesinnten in Bildung zu investieren. Einen anderen Weg aus der Multikrise heraus vermag ich nicht zu erkennen.

 

Prof. Peter Heiniger
Direktor NMS Schulen
Vorsitzender der Geschäftsleitung

 


[1]           Im Berichtsjahr 2024/25 aktuelle geopolitische Krisen: Russland – Ukraine Krieg; Israel – Gaza & Libanon Konflikt; Israel – Iran Krieg; Indien – Pakistan Krise; Sudan Bürgerkrieg; Myanmar Bürgerkrieg; Jemen – Houthi Krise & Red Sea-Spannungen; Syrien Bürgerkrieg; Sahel-Aufstände (Mail, Burkina Faso, Niger); Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha, usw.

 

[2]           Technologien, die im Berichtsjahr 2024/25 Schlagzeilen produziert haben: sich rasch entwickelnde Künstliche Intelligenz (KI); KI-gestützte Medikamentenentwicklung; KI-basierte Früherkennung im Gesundheitsbereich; KI-gestützte Energienetze; kooperative Roboter; Quantencomputer; private Raumfahrt; Satelliteninternet (neben Starlink nun auch Amazon Kuiper); Feststoffbatterien; usw.

 

[3]           Umweltkatastrophen, die sich im Berichtsjahr 2024/25 in der Schweiz ereignet haben: Überflutungen und Murgänge in Brienz (Kanton Bern, August 2024); Gletscher- und Bergsturz in Blatten (Kanton Vallis, 28. Mai 2025); Bergstürze in Brienz/Brinzauls (Kanton Graubünden, grosser Bergsturz im Juni 2023 und kleinere Felsstürze im März 2024)

 

RTS und R21: Endlich kann gegen Malaria geimpft werden!

Malaria zählt zu den tödlichsten Infektionskrankheiten weltweit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt es jährlich zu rund 263 Millionen Neuinfektionen, etwa 600’000 Menschen sterben daran – 95 % davon in Afrika; drei von vier Todesopfern sind Kinder unter fünf Jahren. 

Nach jahrzehntelang ausbleibenden Durchbrüchen ist die Impfstoffentwicklung in Bewegung: Mehrere Kandidaten befinden sich in klinischen Tests. Der Impfstoff RTS,S («Mosquirix») wurde 2019 in drei Ländern pilothaft eingesetzt und seine Anwendung wird seit 2021 von der WHO empfohlen. 2024 folgte mit R21 ein zweiter Impfstoff, der ebenfalls zur Anwendung empfohlen wurde. Eine Impfdosis kostet weniger als drei Franken.

Pro Person sind vier Impfungen empfohlen (die ersten drei im Abstand von einem Monat, beginnend ab dem fünften Lebensmonat, die 4. etwa 12 Monate nach der dritten).

Dank der Unterstützung der in Genf ansässigen Vaccine Alliance (Gavi), die im Jahr 2000 als Partnerschaft zwischen öffentlichen und privaten Institutionen am Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet wurde, konnten die neuen Impfstoffe im Berichtsjahr 2024/25 bereits in 19 Ländern eingesetzt werden und haben dort schon zehntausende Kinderleben gerettet.

Hinter einer derartigen Erfolgsmeldung stecken Leistungen, die unzählige Menschen erbracht haben: Beispielsweise haben Forscherinnen und Forscher trotz vieler Rückschlägen jahrzehntelang weltweit zusammengearbeitet und nicht aufgegeben. Firmen und Investoren haben jahrzehntelang investiert. Die internationale Gemeinschaft hat das Ziel, ein Mittel gegen Malaria zu finden, nicht aufgegeben. Techniker*innen und Ingenieur*innen haben komplexe Produktionsanlagen entwickelt, Logistiker*innen ermöglichen es, Ressourcen aus aller Welt zu besorgen, zu bündeln und die Produkte zu distribuieren. Politikerinnen und Politiker haben während Jahrzehnten Forschung und Zusammenarbeit gefördert, auch wenn der Erfolg nicht innerhalb einer Legislaturperiode greifbar war.

Die Wahrnehmung gelingender Projekte dieser Art könnte an Schulen ein Gegengewicht zu den verstörenden Meldungen bilden, die die Nachrichtenkanäle täglich fluten. Sie zeigen auf, dass durch Forschung und Zusammenarbeit Grosses möglich wird – sogar dann, wenn die Herausforderungen überwältigende Ausmasse haben. Grosse Unternehmungen werden ausserdem nur möglich, wenn sowohl die komplexesten wie auch die einfachsten Arbeiten gelingen. Das bedeutet: Jede und jeder kann Teil einer derartigen Erfolgsgeschichte sein. In dieser Einsicht könnte viel Motivationskraft stecken – sowohl für die berufliche Bildung, wie auch für akademische Bildungsgänge.

Prof. Peter Heiniger
Direktor NMS Schulen
Vorsitzender der Geschäftsleitung

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