Weltpolitische Lage 1851
Die Gründungszeit der NMS Bern – eine Zeit des Umbruchs
Im 19. Jahrhundert erlebten viele Regionen Europas eine zunehmende Industrialisierung. Fabriken wurden gegründet, in denen Menschen dafür sorgten, dass die Maschinen nicht stillstanden. Die Städte wuchsen durch den Zuzug der Arbeitenden rasant an. Vielerorts waren die Lebensumstände erbärmlich. Güter wurden in immer grösseren Massen erzeugt. Kohle, Stahl, Dampfschiffe und Eisenbahnen waren Schlüsselfaktoren der Industrialisierung.
In der Schweiz begann die Industrialisierung im Textilbereich mit der Einführung von Spinnmaschinen. Diese waren auch die Produkte der ersten Maschinenfabriken. Innerhalb von nur einer Menschheitsgeneration brach die traditionelle Handspinnerei und Handweberei in den industrialisierten Gebieten – vor allem in Zürich und in der Ostschweiz – zusammen. Davon war auch der bäuerliche Nebenerwerb betroffen.
Aus Not und Unzufriedenheit entwickelten sich überall in Europa Unruhen, Aufstände und sogar Revolutionen. Auch in der Schweiz führten die tiefgreifenden sozialen Veränderungen, Arbeitslosigkeit und eine Kartoffelfäule, die eine Hungersnot verursachte, zu zunehmenden Spannungen.
Gleichzeitig rangen in vielen Regionen Europas monarchistische mit nationalistischen Kräften, die unter anderem demokratisches Gedankengut verbreiteten, oftmals aber auch andere Volksgruppen zu Feinden erklärten. Fast überall wurden die Aufstände niedergeschlagen – oft blutig und brutal.
Sogar innerhalb der Schweiz mussten damals Zölle entrichtet werden. Es gab eine unüberschaubare Menge von Münzen und Masseinheiten mit ganz unterschiedlichen Werten. Das behinderte den Handel auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.
Durch die Industrialisierung entstand in den Kantonen Zürich, Basel, Bern und Aargau ein aufstrebendes liberales Bürgertum mit Unternehmern und Kaufleuten, das einerseits die alten aristokratischen Eliten ablöste und andererseits nach einem starken Bundesstaat strebte. Infrastrukturprojekte wie der Bau von Eisenbahnen erforderten eine zentrale Planung, was durch den damaligen lockeren Staatenbund erschwert wurde. Dagegen pochten die agrarisch geprägten Kantone auf Souveränität, Schutzzölle und traditionelle Strukturen.
Diese wirtschaftliche Polarisierung entlud sich 1847 im Bürgerkrieg (Sonderbundskrieg). Auf Seiten der Liberalen führte General Dufour die eidgenössischen Truppen mit dem weitsichtigen Ziel, möglichst wenig Schaden und Verluste zu verursachen – was innerhalb von nur einem Monat gelang. Sein massvolles Vorgehen verhinderte eine tiefgehende Spaltung der Bürgerkriegsparteien.
Dies ermöglichte es den Siegern, gemeinsam mit den Besiegten 1848 einen demokratischen Bundesstaat zu schaffen. Sorgsam entwickelte Mechanismen – etwa die Einführung des Ständerats – stellten sicher, dass Minderheiten nicht dominiert werden konnten. Demokratie wurde in der Schweiz als Integrationsinstrument genutzt. Der Nationalismus diente hierzulande als Integrationsideologie, um die Bevölkerung für den neuen Bundesstaat zu gewinnen und sprachliche oder religiöse Gräben zu überbrücken.
In diesem Kontext entstanden unter anderem auch säkulare öffentliche Volksschulen.
Dass Religion in den Schulen keine Rolle mehr spielen sollte, war jedoch nicht allen Bürgerinnen und Bürgern recht. Eine Gruppe pietistischer Männer gründete deshalb 1851 – drei Jahre nach der Gründung des Bundesstaats – die «Neue Mädchenschule». Sie verfolgten zwei Ziele: die Förderung von Mädchen und jungen Frauen sowie die Schaffung einer religiös geprägten Alternative zu den staatlichen Schulen.
Die NMS Bern war also zur Zeit ihrer Gründung und während fast 150 Jahren eine konfessionell geprägte Schule. Heute versteht sie sich als überkonfessionell, bleibt jedoch humanistischen Bildungsidealen verpflichtet.