Gedanken zum Programm
Die Taube gilt seit vorchristlicher Zeit als Symbol des Friedens. Auch in der biblischen Sintfluterzählung erscheint sie als frohe Botschafterin. Es lag daher nahe, dass wir die Friedenstaube für das diesjährige Jubiläumschorprojekt «175 Jahre NMS» verwendeten. Bis zum 24. Februar 2022, dem Beginn des russischen Grossangriffs auf die Ukraine, hatten wir kaum damit gerechnet, dass Krieg auch in unserer Nähe erneut Realität werden und mit menschenverachtender Brutalität geführt werden könnte.
Im Chor sangen über 250 Menschen im Alter von 15 bis 55 Jahren, die mit der Schweiz, mit Bern oder mit der NMS verbunden sind. Im Orchester musizierten 66 Personen aus unserer Region. Gemeinsam erhoben sie singend und spielend ihre Stimme gegen den kriegerischen Irrsinn – gegen den Krieg in der Ukraine, der nur zwei Länder von uns entfernt stattfindet, ebenso wie gegen die vielen weiteren Kriege rund um den Globus.
Als kurze Einstimmung auf die Friedensmesse «The Armed Man: A Mass for Peace» von Karl Jenkins spielte das Orchester die 9. Variation «Nimrod» aus Edward Elgars Enigma-Variationen von 1899. Die Variation stellt Elgars Freund und Förderer August Jaeger dar. Ihr Titel beruht auf einem Wortspiel: «Jaeger» bedeutet auf Deutsch «Jäger», während Nimrod als legendärer biblischer Jäger gilt. Die Musik soll an ein Gespräch der beiden Freunde über die langsamen Sätze Beethovens erinnern.
Genau 100 Jahre nach der Entstehung der Enigma-Variationen vollendete Karl Jenkins 1999 «The Armed Man: A Mass for Peace». Das von den Royal Armouries für den Jahrtausendwechsel in Auftrag gegebene Werk ist den Opfern des Kosovo-Konflikts gewidmet. Jenkins verbindet darin geistliche und weltliche Texte aus verschiedenen Kulturkreisen und Religionen mit dem Rahmen einer christlichen Messe. Damit bringt er eine kultur- und religionsübergreifende Friedensbotschaft zum Ausdruck. Der Schlusssatz führt diese Botschaft auf ihren Kern zurück: «Better is Peace» – besser ist der Frieden.
Jenkins hat in diesem Werk eine Vielzahl musikalischer Elemente zu einem eindringlichen Mahnmal gegen den Krieg zusammengefügt. Die Komposition nimmt das französische Lied «L’homme armé» aus dem 15. Jahrhundert zum Ausgangspunkt und steht damit in einer jahrhundertealten Tradition von Messvertonungen. Zugleich begegnen sich darin mittelalterliche Gregorianik, die Vokalpolyphonie der Renaissance, Fanfaren, Marschmusik, hochromantische Klangflächen und der Gebetsruf eines Muezzins. Dieses Nebeneinander älterer und neuerer Musikstile schafft wirkungsvolle Kontraste. Ekstatische Ausbrüche, mitreissende Rhythmen und beklemmende Momente der Stille prägen die starke emotionale Wirkung von Jenkins’ Friedensmesse.
Diese Musik lädt zum Innehalten ein, zur Erinnerung an die Opfer von Gewalt und zugleich zur Hoffnung auf Versöhnung. Der feierliche Charakter des Werks verleiht dieser Botschaft grosse Würde und Ernsthaftigkeit. So ist «The Armed Man: A Mass for Peace» weit mehr als ein Konzertstück. Es ist ein musikalisches Bekenntnis zum Frieden, das in seiner Klarheit, Eindringlichkeit und Humanität bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Im Januar 2026
Die musikalische Leitung:
Stefan Andres, Sabrina Rohrbach-Buri, Rudolf Kämpf
Karl Jenkins – Komponist von «The Armed Man»
Sir Karl Jenkins, 1944 in Wales geboren, zählt zu den meistaufgeführten lebenden Komponisten. Nach seiner klassischen Ausbildung an der Universität Cardiff und der Royal Academy of Music war er zunächst als Jazz- und Rockmusiker tätig, unter anderem bei der Band Soft Machine. International bekannt wurde er mit dem genreübergreifenden Chorprojekt «Adiemus».
Jenkins’ Musik verbindet klassische und zeitgenössische Elemente und überschreitet bewusst stilistische und kulturelle Grenzen. Sein 1999 entstandenes Werk «The Armed Man: A Mass for Peace» wurde für den Jahrtausendwechsel in Auftrag gegeben und den Opfern des Kosovo-Konflikts gewidmet. Seine eindringliche Friedensbotschaft machte das Werk zu einer besonders passenden Wahl für das Jubiläumskonzert der NMS Bern.